Blindenschrift by Hans Magnus Enzensberger

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Geschichte der chinesischen Literatur: Vol. 03: Die chinesische Erzählung - Vom Altertum bis zur Neuzeit

Dieses Buch von Monika Motsch ist die Geschichte der chinesischen Erzahlung vom Altertum bis zur Neuzeit. Es ist der dritte Band der von Wolfgang Kubin herausgegebenen 'Geschichte der chinesischen Literatur', einer auf zehn Bande angelegten Gesamtdarstellung.

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Mehr als wir, doch ohne andenken, nicht verzeichnet, nicht abzulesen im staub, sondern verschwunden sind ihre namen, löffel und sohlen. sie reuen uns nicht, es kann sich niemand auf sie besinnen: sind sie geboren, geflohen, gestorben? vermißt sind sie nicht worden, lückenlos ist die weh, doch zusammengehalten von dem was sie nicht behaust, von den verschwundenen, sie sind überall. ohne die abwesenden wäre nichts da. ohne die flüchtigen wäre nichts fest. ohne die vergessenen nichts gewiß. die verschwundenen sind gerecht, so verschallen wir auch.

Hell nass funkelnd die ölfässer, die winden und poller. scheinbar mächtig auf dem erregten kai erscheint der mensch. iii was hier vorgeht, nach heringen riecht, ist die geschichte, die alte geschichte. zitternd begegnet der rumpf dem Jahrhundert, ich spür es in meiner koje am federleichten stoß gegen den fender. 57 schwierige arbeit für theodor w. adorno im namen der andern geduldig im namen der andern die nichts davon wissen geduldig im namen der andern die nichts davon wissen wollen geduldig festhalten den schmerz der negation eingedenk der ertrunkenen in den vorortzügen um fünf uhr früh geduldig ausfalten das schweißtuch der theorie angesichts der amokläufer in den kaufhallen um fünf uhr nachmittags geduldig jeden gedanken wenden der seine rückseite verbirgt aug in aug mit den totbetern zu jeder stunde des tages geduldig vorzeigen die verbarrikadierte zukunft 58 tür an tür mit dem abschirmdienst zu jeder stunde der nacht geduldig bloßstellen den rüstigen kollaps ungeduldig im namen der zufriedenen verzweifeln geduldig im namen der verzweifelten an der verzweiflung zweifeln ungeduldig geduldig im namen der unbelehrbaren lehren 59 karl heinrich marx riesiger großvater jahvebärtig auf braunen daguerreotypien ich seh dein gesicht in der schlohweißen aura selbstherrlich streitbar und die papiere im vertiko: metzgersrechnungen inauguraladressen steckbriefe deinen massigen leib seh ich im fahndungsbuch riesiger hochverräter displaced person in bratenrock und plastron schwindsüchtig schlaflos die galle verbrannt von schweren zigarren salzgurken laudanum und likör ich seh dein haus in der rue d'alliance dean street grafton terrace riesiger bourgeois haustyrann in zerschlissnen pantoffeln: 60 ruß und »ökonomische scheiße« pfandleihen »wie gewöhnlich« kindersärge hintertreppengeschichten keine mitrailleuse in deiner prophetenhand: ich seh sie ruhig im british museum unter der grünen lampe mit fürchterlicher geduld dein eigenes haus zerbrechen riesiger gründer andern häusern zuliebe in denen du nimmer erwacht bist riesiger zaddik ich seh dich verraten von deinen anhängern: nur deine feinde sind dir geblieben: ich seh dein gesicht auf dem letzten bild vom april zweiundachtzig: eine eiserne maske: die eiserne maske der freiheit 61 die windsbraut sie schlägt die türen zu sie reißt die türen auf sie wirft dir sand in die augen ihr haar ist dunkel wie die vernunft sie stöhnt und ist taub gegen dein stöhnen sie ist ein atem der atem raubt und atem schenkt sie kommt mit staubwolken auf der stirn und zerfetzt die fahnen alte zeitungen neue jagt sie über den roten platz sie wälzt ruß und gift vor sich her sie reißt dir das wort aus dem mund sie herzt dich und prüft deine lungen sie zerrt und springt und schlägt um sie ist schön sie denkt auf biegen und brechen sie umarmt die wurzeln und rauft sie aus sie empfängt den flüchtigen samen 62 stamme dich gegen sie und sie trägt dich gib dich hin und du fällst sie weht sie erhebt sich sie wiegt dich sie wirft dich stamme dich auf ihre brust nimm sie sie trägt dich sie trägt dich fort 63 erinnerung an die sechziger jähre heiter mit liebe und arbeit beschäftigt, furchtlos beschäftigt mit unserer furcht, ruhig mit unserer unruhe, sorglos beschäftigt mit unsern sorgen entglitten wir, flogen, landeten, noch einmal waren die ufer offen.

Auf dem verregneten radarschirm erscheint nichts. ii ich schlage die äugen auf und sehe diesen nördlichen hafen im glasklaren bullaug wimmelnd verkürzt, frisch gestrichen und relativ. 56 scheinbar bewegt er sich, gleitet vorwärts, gefangen von seinen ursachen und seinen zielen. hell nass funkelnd die ölfässer, die winden und poller. scheinbar mächtig auf dem erregten kai erscheint der mensch. iii was hier vorgeht, nach heringen riecht, ist die geschichte, die alte geschichte. zitternd begegnet der rumpf dem Jahrhundert, ich spür es in meiner koje am federleichten stoß gegen den fender.

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